Der Golfer, der rockt
Text Hansjörg Falz / 88 28.04.2006 10:26:58 Uhr
Marcel Siem ist der einzige deutsche Golfer, der den biederen Golfsport BUNT UND VERRÜCKT macht. Deswegen war er spontanbegeistert, als MAX ihn fragte, ob er sich in der alten Kokerei der Zeche Zollverein ein modisches Foto-Shooting vorstellen könnte.
Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Marcel Siem ist gerade mit Feuereifer bei der Sache. Er steht etwas oberhalb der früheren Allee des Feuers in einer Höhle aus monströsen und verrosteten Stahlträgern. In seinem Rücken bauen sich die Türme der Kokerei Zeche Zollverein auf, die 1993 im Zuge der großen Stahlkrise stillgelegt worden ist. Jetzt, wo der Ruß weggewischt und die Kulturwirtschaft eingezogen ist, sind sie ein morbides und charmantes Dokument des Strukturwandels im Revier. Das einzige Feuer, das hier noch brennt, ist das an Siems Driver. Nicht 1200 Grad heiß, wie einst in den mit Steinen aus Silica gemauerten Brennkammern, sondern gerade so warm, dass es den Golfprofi aus Mettmann an diesem launisch kalter Frühlingstag umschmeichelt. Amüsiert schaut Siem auf den leicht versengten Golfschläger aus Titan und Karbon in seiner Hand, stupst einen verschwörerisch grinsend mit der Schulter an und flüstert: „Sind ja nur 900 Euro, die wir da abfackeln.“
Er hat Spaß daran. Er mag Events jenseits seiner Tagesordnung, die da meistens heißt: trainieren, Bälle schlagen, am Schwung feilen. Marcel Siem, 25, seit 2000 professioneller Golfspieler, im vierten Jahr in der European Tour unterwegs, als einziger und letzter Deutscher gut genug dafür. Ein Turniersieg insgesamt – damit ist er Deutschlands jüngste und größte Golfhoffnung.
Marcel Siem ist nicht nur besser als die anderen, er ist auch anders. „Ich mache gerne mein eigenes Ding.“ So auch modisch. „Ich trage Sachen, die andere nicht tragen. Ich mag keine Sachen von der Stange.“ Für ihn zeugt es von Selbstbewusstsein, wenn man keinen anderen kopiert. Nun darf ein professioneller Golfer nicht so frei sein, wie er sich fühlt. Es gibt Regeln. Eine besagt: Das Hemd muss einen halben Zentimeter Kragen haben, mindestens. Bluejeans sind verboten. Das Hemd muss in der Hose stecken. Marcel Siem würde gern Jeans mit einem cooen Gürtel tragen, und auch Shorts an heißen Tagen, damit ich „nicht im Sommer in der Freizeit mit Kalkeimerbeinen herumlaufen muss“.
Einmal schon hat er sich wegen der Restriktionen mit den Regelhütern angelegt. Da ging es um das Käppi. Er dreht gern den Schild in den Nacken, aber das dürfe er nicht, wurde ihm befohlen. Wo, bitte, konterte er, stehe das in den Regeln, er wolle dies schwarz auf weiß sehen. Und weil ihm die Funktionäre eine entsprechende Passage im Regelwerk nicht präsentieren konnten, darf er nun die Kappe drehen, wie er will. „Ich hab’ mir inzwischen welche machen lassen mit Sponsorenschriftzug auf der Rückseite, damit ‚Postbank‘ richtig herum zu lesen ist.“
Mit der Mütze bändigt er normalerweise seinen Pferdeschwanz, sein blondes, dickes, langes Haar, das unsere Hairstylistin Betty völlig verzückt.
Wenn Marcel Siem ganz lässig den Schläger schwingt, wird einem nicht nur die Dynamik und Eleganz dieses Sports bewusst, es fällt einem auch der Zeigefinger der linken Hand auf, die da den Griff fixiert. Seit 1997 fehlt ihm das erste Fingerglied. Damals ist er mit seinen Kumpels auf dem Rennrad durch die Gegend geheizt und an einer Laterne hängengeblieben. Als er sich wieder hochrappelte, war die Fingerspitze ab. „Scheiße, nie mehr Golf, war mein erster Gedanke.“ Er hat den Finger schlauerweise in den Mund gesteckt und ist zum Hilfeholen in den nächst besten Laden gerannt, eine Bäckerei. „Als ich fertig war mit telefonieren, meinte der Bäcker nur ,Das wird schon wieder‘ – und dabei zeigte er mir seine Finger.“ Er hatte insgesamt nur noch sieben. Bei Siem ist die Kuppe verkrüppelt, das behindert ihn nicht beim Driven oder Putten.
Was ihm dabei am meisten zu schaffen macht, ist er selbst. „Früher habe ich alles kreuz und quer geballert und so gut wie jeden Ball gestopft.“ „Stopfen“ ist Golferjargon und heißt so viel wie einlochen. Marcel Siem ist nämlich als Golfer ein Typ, der mehr rockt als chillt. Ein offensiver Spieler, der um Beherrschung ringt. „Ich kann gar nicht anders. Ich war früher sogar so, dass ich nur an Platzrekord, Platzrekord, Platzrekord gedacht habe. Wenn ich dann nicht fett dabei war, hab ich mit crazy shots versucht, die Eagles rauszuhauen.“ Inzwischen weiß er: Wenn er jede Runde solide zwei unter Par spielen würde, würde er jedes Turnier mit „acht unter“ beenden – „und -8 bei jedem Turnier reicht locker, um am Ende der Saison in den Top 20 zu stehen und zum ,Order of Merit‘ zu zählen.“ Derzeit ist er Nummer 109 dieser Rangliste. Aber die Saison ist noch jung. So jung wie er und diese schlaue, aber für ihn noch neue Erkenntnis.
Wir bedanken uns bei der Stiftung Zollverein, Essen, und der Stiftung Industrie-, Denkmalpflegege und Geschichtskultur, Dortmund, für die freundliche Unterstützung.
|