Golf ist nicht spießig
Mit dem 25-jährigen Golfer sprach Christiane Mitatselis über seinen Gegenentwurf des Spiels anläßlich der Linde German Masters in Pulheim.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Siem, die Worte, mit denen man Sie charakterisiert, beginnen oft mit un: Ungeduldig, unangepasst, ungestüm. Wie finden Sie das?
MARCEL SIEM: Das ist wohl darauf bezogen, dass ich etwas emotionaler auf dem Platz bin. So bin ich halt und so will ich auch bleiben. Ohne meine Emotionen, ohne diese Lust am Golfspielen, wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich bin. Aber ich bin etwas ruhiger geworden. Das kommt mit dem Alter so.
Welchem Alter?
SIEM: Ich bin jetzt 25. Früher, mit 18, da bin ich auf dem Golfplatz abgegangen wie Schmitz Katze. Wenn da irgendwas nicht funktioniert hat, dann bin ich ausgerastet und habe Schläger zerbrochen.
In der vergangenen Woche haben Sie beim Turnier in Boston einen Platzrekord aufgestellt.
SIEM: Ja, das war super, die 62 war auch meine beste Turnier-Runde als Profi. Das war ein Riesenerlebnis. Die Amis sind schon ziemlich sensationsgeil. Die schauen genau hin, wenn da ein deutscher junger Typ mit Pferdeschwanz kommt.
Und mit Schlangenleder-Gürtel . . .
SIEM: Klar, das auch. Ich steche immer gern ein bisschen raus. Ich mag nicht so sein wie alle anderen. Na ja, und als ich dann die 62 gespielt habe, waren sie alle hellauf begeistert.
Hat Ihnen die Golf-Atmosphäre in den USA gefallen?
SIEM: Ich finde es ein bisschen zu extrem. Da wird sehr viel Alkohol verkauft. Je länger der Tag dauert, desto lauter werden die Zuschauer. Da kommen dann auch blöde Sprüche. Andererseits treiben sie einen hoch, das ist der absolute Wahnsinn. Es ist eine gute Abwechslung. Hier ist es viel ruhiger.
Spießig, haben Sie es mal genannt.
SIEM: Die meisten Deutschen in meinem Alter halten Golf für einen Spießersport. Alles ätzend und langweilig. Karohosen, nur alte Leute, immer alles elitär. Früher, als ich zur Schule ging, da fanden die Mädels Golf gar nicht cool. So nach dem Motto: Da kommt der Golf-Spießer, der Schnösel. Aber ich finde Golf nicht spießig und so benehme ich mich auf dem Golfplatz auch.
Es gibt in Deutschland immer mehr nicht-elitäre Plätze.
SIEM: Ja, zum Glück. Es muss anders werden. In 80 Prozent der Golfclubs in Deutschland ist es noch so, dass man 10 000 oder 20 000 Euro Aufnahmegebühr zahlen muss. Wir brauchen viel mehr öffentliche Anlagen, wo man nur die Bälle bezahlt. Sonst kommt Golf in Deutschland nicht voran. Es ist wie im brasilianischen Fußball. Die besten Spieler kommen von der Straße. Ich glaube nicht, dass unbedingt die reichen Kinder die besten Golfer sind.
Und sagen was Sie denen, die Golf nicht ganz so aufregend finden wie Fußball?
SIEM: Sie sollten bei mir mal mitge hen! Wenn es gut läuft, haben die Leute viel Spaß mit mir, wenn es schlecht läuft, können sie mitleiden. Wenn aber man beim Falschen mit geht, dann denkt man vielleicht: Wie öde, ist ja total tote Hose hier.
Wer wäre denn ein Falscher?
SIEM: Sag ich nicht, das wäre ja gemein.
Sie orientieren sich an Gefühlsspielern wie Miguel Angel Jimenez.
SIEM: Ja, ein Gefühlsspieler achtet gar nicht so sehr auf Technik, er steht nicht den ganzen Tag auf der Driving Range und doktert rum. Einer wie Miguel Angel Jimenez hat seine Basis, sein Gefühl von klein auf. Er hat sich einfach immer nur verbessert und ist nicht zu irgendeinem Technik-Guru gegangen.
Was macht einer wie Jimenez anders als andere?
SIEM: Wenn man sich seine Probeschwünge ansieht, dann denkt man: Was geht denn jetzt hier ab? Das sieht total verrückt aus. Er macht so einen Propellerschwung. Wie ich beim Putten stehe, ist auch total unorthodox. Ich habe den Fuß so ein bisschen eingeknickt und schwinge nach innen. Miguel Angel ist sowieso ein Superkerl, er gibt mir Super-Tipps. Er ist einer der wenigen, der von seinem Können auch etwas abgeben will an junge Spieler. Davon gibt es nicht viele auf der Tour.
Was sehen Ihre Ziele aus?
SIEM: Ich will noch was Großes gewinnen in meinem Leben, British Open oder Masters und will unter die Top 20 der Welt. Dann will ich Ryder Cup spielen. Nicht nächstes Jahr, das wäre ein bisschen zu hoch angesetzt. Aber in drei Jahren möchte ich es schaffen.
Und hier beim German Masters?
SIEM: Den Cut habe ich geschafft, jetzt habe ich nichts mehr zu verlieren. Ich spiele aggressiv auf Risiko. |